"Entartete Kunst"
NS-kontaminiertNutzungshäufigkeit
Dieser Graph visualisiert das typische Wiederaufleben historisch belasteter Begriffe: Wenig genutzt vor 1920, extrem populär während der NS-Diktatur (1933-1945), danach weitgehend tabuisiert und verschwunden, bis zur bewussten Reaktivierung durch rechtsextreme Akteure in der jüngeren Gegenwart (ab 2015).
Der Begriff "Entartung" wurde bereits im 19. Jahrhundert im abwertenden Zusammenhang verwendet, so etwa von Friedrich Schlegel in Bezug auf die Dichtung der Spätantike. Der jüdische Kulturkritiker Max Nordau popularisierte die These, dass die Entartung der Kunst auf die Entartung der Künstler zurückzuführen sei. Adolf Hitler äußerte sich bereits 1925 in "Mein Kampf" abfällig über moderne Kunst als "Erzeugnisse einer überhaupt nicht mehr künstlerischen, sondern vielmehr geistigen Entartung bis zur Geistlosigkeit". Im Nationalsozialismus wurde der Begriff "Entartete Kunst" zum zentralen Kampfbegriff gegen moderne Kunstrichtungen wie Expressionismus, Dadaismus, Surrealismus und Kubismus. Die Ausstellung "Entartete Kunst" 1937 in München markierte den Höhepunkt dieser Kampagne. Nach 1945 wurde der Begriff weitgehend vermieden, erlebte jedoch in den letzten Jahren im Kontext rechtspopulistischer und rechtsextremer Strömungen eine Wiederbelebung, oft in Verbindung mit der Diffamierung zeitgenössischer Kunst als "undeutsch" oder "nicht volksnah".
Die Ausstellung "Entartete Kunst" wurde am 19. Juli 1937 in München von Adolf Ziegler, dem Präsidenten der Reichskammer der Bildenden Künste, mit diffamierenden Worten eröffnet. Die von Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels1 initiierte Ausstellung präsentierte über 650 konfiszierte Kunstwerke aus 32 deutschen Museen, um das gesamte Spektrum moderner Kunst in Deutschland aus dem sozialen und kulturellen Leben auszuschließen. Die Ausstellungsstücke wurden mit diffamierenden Inschriften versehen, die antisemitische und antikommunistische Vorurteile unter dem NS-Schlagwort der "jüdisch-bolschewistischen Kunst" schürten. Parallel dazu eröffnete Adolf Hitler die "Große Deutsche Kunstausstellung" im Münchner "Haus der Deutschen Kunst", um zu zeigen, was unter "deutscher" Kunst zu verstehen sei. Die Ausstellung wanderte bis April 1941 durch zwölf weitere Städte und zog über drei Millionen Besucher an. Die Ausstellung diente als Propaganda-Instrument, um die Bevölkerung gegen moderne Kunst aufzuhetzen und die Verfolgung von Künstlern und Sammlern zu legitimieren. Die Beschlagnahmung von rund 16.000 modernen Kunstwerken, die zum Teil ins Ausland verkauft oder zerstört wurden, setzte die "Säuberung" der deutschen Kunstsammlungen in Gang.
Der Begriff "Entartete Kunst" wurde im Nationalsozialismus ideologisch aufgeladen und als Instrument zur Diffamierung und Verfolgung moderner Künstler und Kunstrichtungen eingesetzt (Barron, Stephanie, *'Entartete Kunst': The Fate of the Avant-Garde in Nazi Germany*, Los Angeles County Museum of Art, 1991). Die Ausstellung "Entartete Kunst" diente als zentrale Propagandamaßnahme zur Diskreditierung der Moderne und zur Durchsetzung des NS-Kunstideals (Petropoulos, Jonathan, *Art as Politics in the Third Reich*, University of North Carolina Press, 1999). Das "Gesetz über die Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst" von 1938 schuf die rechtliche Grundlage für die systematische Enteignung und Verwertung der als "entartet" eingestuften Kunstwerke ( Datenbank der Forschungsstelle 'Entartete Kunst' der Freien Universität Berlin).