"Festung Europa"
NS-VokabularNutzungshäufigkeit
Dieser Graph visualisiert das typische Wiederaufleben historisch belasteter Begriffe: Wenig genutzt vor 1920, extrem populär während der NS-Diktatur (1933-1945), danach weitgehend tabuisiert und verschwunden, bis zur bewussten Reaktivierung durch rechtsextreme Akteure in der jüngeren Gegenwart (ab 2015).
Der Begriff "Festung Europa" entstand im Kontext des Zweiten Weltkriegs. Erstmals wurde er von den Nationalsozialisten verwendet, um die von ihnen besetzten Gebiete Europas als uneinnehmbare Bastion gegen die Alliierten darzustellen. Nach dem Krieg geriet der Begriff zunächst in Vergessenheit, erlebte aber in den 1990er Jahren eine Wiederbelebung im Kontext der europäischen Integration und der zunehmenden Migration. Seitdem wird er sowohl von Kritikern als auch von Befürwortern einer restriktiven Migrationspolitik verwendet, wobei er oft eine negative Konnotation der Abschottung und Ausgrenzung trägt. Die Verwendung des Begriffs ist umstritten, da er an die NS-Zeit erinnert und eine dehumanisierende Wirkung haben kann.
Der Begriff "Festung Europa" wird in der Gegenwart vor allem im Kontext der Migrationspolitik verwendet. So forderte die Identitäre Bewegung Österreich bereits im September 2013 bei einer Aktion vor der Europäischen Agentur für Menschenrechte die Errichtung einer "Festung Europa zum Schutz unserer Heimat". Die damalige österreichische Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) verwendete den Begriff ebenfalls positiv, indem sie meinte, man müsse „an der Festung Europa bauen“. In den 1990er Jahren wurde der Begriff von Helmut Kohl (CDU) verwendet, um eine Anti-Freihandels-Haltung zu kritisieren, indem er sagte, das Gegenteil des neoliberalen Freihandels sei eine "Festung Europa". Die Verwendung des Begriffs ist oft mit der Vorstellung einer Abschottung Europas gegenüber Migranten und Flüchtlingen verbunden, was zu Kontroversen und Kritik führt.
Der Begriff "Festung Europa" ist NS-kontaminiert, da er maßgeblich von den Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs geprägt wurde, um die besetzten Gebiete als unüberwindliche Verteidigungsanlage zu stilisieren (siehe z.B. Benz, Wolfgang: Dimension des Völkermords. Die nationalsozialistische Judenverfolgung 1933-1945. München: Oldenbourg, 1991). Obwohl der Begriff heute in unterschiedlichen Kontexten verwendet wird, bleibt die historische Belastung bestehen und kann als Verharmlosung der NS-Ideologie wahrgenommen werden. Kritische Auseinandersetzungen mit dem Begriff, wie sie beispielsweise in der politischen Bildung stattfinden (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung), thematisieren diese Problematik.