Zurück zur Übersicht
Vorheriges: Denkmal der SchandeNächstes: Deutschland den Deutschen

"Der Große Austausch"

NS-Vokabular
Von: Martin Sellner (Identitäre Bewegung), Thilo Sarrazin (SPD)
Datum: 2016

Nutzungshäufigkeit

Der Große Austausch"
Das "Nazisprech"-Kriterium

Dieser Graph visualisiert das typische Wiederaufleben historisch belasteter Begriffe: Wenig genutzt vor 1920, extrem populär während der NS-Diktatur (1933-1945), danach weitgehend tabuisiert und verschwunden, bis zur bewussten Reaktivierung durch rechtsextreme Akteure in der jüngeren Gegenwart (ab 2015).

Denkmal der Schande (Graph)Deutschland den Deutschen (Graph)
Hintergrund:
Die Verschwörungserzählung vom "Großen Austausch" geht davon aus, dass die "weißen" Bevölkerungen Europas gezielt durch nicht-"weiße" Menschen ausgetauscht werden. Ursprünglich aus Frankreich stammend, wird diese Erzählung von geheimen Eliten gesteuert, wobei oft antisemitische Codes verwendet werden. Das Konzept weist ideologische Parallelen zum Begriff des "Volkstods" auf, der bereits in den 1910er Jahren aufkam. Nach 1945 geriet der Begriff zunächst in den Hintergrund, erlebte jedoch in den letzten Jahren eine Wiederbelebung durch rechtsextreme Akteure wie die Identitäre Bewegung und die AfD. Auch Akteure außerhalb des rechtsextremen Spektrums, wie Thilo Sarrazin, trugen zur Verbreitung der Angst vor einem Bevölkerungsaustausch bei, indem sie das Aussterben der "Deutschen" durch muslimische Einwanderung prognostizierten.
Kontext:
Der Begriff erlangte in den letzten Jahren wachsende Bedeutung in der extremen Rechten. Martin Sellner, ein führendes Gesicht der Identitären Bewegung in Österreich, erklärte bereits 2016, dass der "große Austausch" als übergreifender Begriff alle wichtigen Themen des Milieus vereint. Die Verschwörungserzählung wurde auch im Kontext rechtsterroristischer Anschläge relevant, so gab der Täter von Christchurch seinem Hasspamphlet den Titel „The Great Replacement“. Auch Thilo Sarrazin, ehemaliger SPD-Politiker, trug mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ zur Verbreitung der Angst vor einem Bevölkerungsaustausch bei, indem er das Aussterben der "Deutschen" durch muslimische Einwanderung prognostizierte. Diese Entwicklungen zeigen, wie die Erzählung in verschiedenen Kontexten genutzt wird, um rassistische und fremdenfeindliche Ideologien zu verbreiten und zu legitimieren. Die Mär vom sogenannten „großen Austausch“ hat sich in den vergangenen Jahren zum wohl wichtigsten Narrativ der extremen Rechten entwickelt. Und schon vor Buffalo und Essen bezogen sich Terroristen darauf – der Täter von Christchurch etwa, der im Jahr 2019 insgesamt 51 Menschen muslimischen Glaubens ermordete, gab seinem Hasspamphlet gar den Titel „The Great Replacement“.
NS-Nachweis

Die Vorstellung eines "Volkstods" hat eine lange Tradition im völkischen Denken, das im Nationalsozialismus eine zentrale Rolle spielte. Obwohl der Begriff "Großer Austausch" selbst nicht direkt im NS-Vokabular vorkommt, knüpft er an ähnliche Denkmuster an, die auf die Reinheit und den Erhalt des "eigenen Volkes" abzielen. Die Konstruktion einer Bedrohung durch "fremde Elemente" diente im Nationalsozialismus zur Ausgrenzung und Verfolgung von Minderheiten. Analysen zeigen, wie die heutige Verwendung des Begriffs an diese historischen Muster anknüpft und eine Kontinuität rechtsextremen Denkens darstellt. Die Betonung der "weißen" Identität und die Angst vor "Überfremdung" sind zentrale Elemente, die eine Verbindung zum NS-Gedankengut herstellen.

Strategische Funktion

1. FUNKTION: Schaffung eines Feindbildes: Der Begriff dient dazu, Migranten und Minderheiten als Bedrohung für die "eigene" Bevölkerung darzustellen und somit ein Feindbild zu konstruieren, gegen das mobilisiert werden kann.
2. FUNKTION: Mobilisierung und Radikalisierung: Die Angst vor dem "Großen Austausch" wird genutzt, um Menschen zu radikalisieren und zur Teilnahme an rechtsextremen Aktivitäten zu bewegen. Die Erzählung suggeriert eine existenzielle Bedrohung, die nur durch extreme Maßnahmen abgewendet werden kann.
3. FUNKTION: Legitimierung von Gewalt: Indem die Erzählung einen bevorstehenden "Volkstod" heraufbeschwört, kann sie als Rechtfertigung für Gewalt gegen Migranten und politische Gegner dienen. Der Täter von Christchurch beispielsweise berief sich in seinem Manifest auf die Theorie des "Großen Austauschs", um seine Taten zu rechtfertigen.
VorherigesDenkmal der Schande
NächstesDeutschland den Deutschen