"Denkmal der Schande"
NS-VokabularNutzungshäufigkeit
Dieser Graph visualisiert das typische Wiederaufleben historisch belasteter Begriffe: Wenig genutzt vor 1920, extrem populär während der NS-Diktatur (1933-1945), danach weitgehend tabuisiert und verschwunden, bis zur bewussten Reaktivierung durch rechtsextreme Akteure in der jüngeren Gegenwart (ab 2015).
Der Begriff „Denkmal der Schande“ ist nicht genuin nationalsozialistisch, wurde aber im Kontext der Auseinandersetzung mit der deutschen Erinnerungskultur nach 1945 von verschiedenen Akteuren verwendet, um Kritik oder Ablehnung gegenüber bestimmten Formen des Gedenkens an die NS-Verbrechen auszudrücken. In den 1990er Jahren, während der Debatte um die Errichtung des Holocaust-Mahnmals in Berlin, wurde der Begriff von einigen Kritikern verwendet, um ihre Bedenken hinsichtlich der Monumentalisierung der deutschen Schuld zu äußern. Nach 2000 erlebte der Begriff eine Wiederbelebung in rechtspopulistischen und rechtsextremen Kreisen, die ihn nutzten, um das Holocaust-Mahnmal zu diffamieren und eine vermeintliche „deutsche Opferrolle“ zu betonen. Die Verwendung des Begriffs dient oft dazu, die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit zu delegitimieren und eine nationalistische Geschichtspolitik zu fördern.
Der Begriff erlangte besondere Aufmerksamkeit durch Björn Höcke, den Thüringer AfD-Landes- und Fraktionsvorsitzenden, der ihn in einer Rede am 17. Januar 2016 in Dresden verwendete. Höcke sagte: „Wir Deutschen sind das einzige Volk, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“ Diese Aussage zielte auf das Holocaust-Mahnmal in Berlin und löste breite Kritik aus. Höcke rechtfertigte seine Wortwahl später und behauptete, er habe den Holocaust als Schande für das deutsche Volk bezeichnet und dass das Mahnmal dieser Schande ein Denkmal setze. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, bezeichnete Höckes Aussage als zutiefst empörend und völlig inakzeptabel. Auch Rudolf Augstein, Gründer des Spiegel, verwendete den Begriff „Schandmal“ im Kontext des Holocaust-Mahnmals, was die Kontroverse zusätzlich befeuerte.
Der Begriff selbst ist nicht originär NS-Vokabular, jedoch wird er durch seine Verwendung im Kontext der Relativierung und Ablehnung der Erinnerung an die NS-Verbrechen NS-kontaminiert. Die Instrumentalisierung des Begriffs durch Rechtsextreme und Geschichtsrevisionisten zeigt eine klare Verbindung zu NS-ideologischen Denkmustern (Butterwegge, Rechtspopulismus, S. 150ff.). Die Verwendung des Begriffs zielt darauf ab, die deutsche Schuld am Holocaust zu minimieren und eine positive nationale Identität auf Kosten der Opfer zu konstruieren (Zick, Vorurteile und Feindseligkeiten, S. 200ff.). Die Verbreitung solcher Begriffe trägt zur Erosion einer kritischen Erinnerungskultur bei (Welzer, Täter, S. 80ff.).