"Jugend muss durch Jugend geführt werden"
NS-VokabularNutzungshäufigkeit
Dieser Graph visualisiert das typische Wiederaufleben historisch belasteter Begriffe: Wenig genutzt vor 1920, extrem populär während der NS-Diktatur (1933-1945), danach weitgehend tabuisiert und verschwunden, bis zur bewussten Reaktivierung durch rechtsextreme Akteure in der jüngeren Gegenwart (ab 2015).
Der Ausspruch „Jugend muss durch Jugend geführt werden“ stammt ursprünglich aus der Zeit der Bündischen Jugendbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er war Ausdruck des Wunsches nach Selbstbestimmung und Eigenverantwortung der Jugend. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Satz von der Hitlerjugend (HJ) übernommen und ideologisch umgedeutet. Er diente als Begründung für das Führerprinzip innerhalb der Jugendorganisationen und zur Indoktrination der Jugend im Sinne der NS-Ideologie. Nach 1945 geriet der Begriff aufgrund seiner NS-Belastung weitgehend in Vergessenheit. In jüngster Zeit wird der Ausspruch jedoch von Akteuren der Neuen Rechten wiederbelebt, um eine vermeintliche natürliche Ordnung zu propagieren und die Notwendigkeit einer Führung durch „eigene“ Leute zu betonen.
Der AfD-Politiker Kevin Dorow zitierte am 29. November 2025 auf dem Gründungskongress der AfD-Jugendorganisation „Generation Deutschland“ (GD) in Gießen den Thüringer AfD-Chef Björn Höcke mit dem Ausspruch „Jugend muss durch Jugend geführt werden“. Dorow versicherte, dass dieses Prinzip der Leitstern der neuen Jugendorganisation sein müsse. Er betonte, die GD solle die „Speerspitze der jungen Rechten in Deutschland“ sein. Die Staatsanwaltschaft Gießen prüfte, ob die Verwendung des Spruchs als Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen zu werten sei. Björn Höcke selbst hatte den Satz zuvor in einem Social-Media-Beitrag im August 2025 im Kontext der „Jungen Alternative“ (JA) verwendet.
Die NS-Instrumentalisierung des Begriffs „Jugend muss durch Jugend geführt werden“ ist durch zahlreiche historische Quellen und wissenschaftliche Arbeiten belegt. Historiker wie Gideon Botsch betonen, dass der Satz untrennbar mit der NS-Propaganda verbunden ist und für ein autoritäres, antidemokratisches Weltbild steht. Die Hitlerjugend nutzte den Spruch, um das Führerprinzip zu verankern und die Jugend im Sinne der NS-Ideologie zu erziehen (vgl. z.B. Michael Buddrus, „Totale Erziehung für den totalen Krieg: Hitlerjugend und nationalsozialistische Jugendpolitik“). Die Verwendung des Begriffs heute stellt somit eine bewusste oder unbewusste Bezugnahme auf diese ideologische Tradition dar.