Zurück zur Übersicht
Vorheriges: UmvolkungNächstes: Volkstod

"Ur-Deutscher"

NS-Vokabular

Nutzungshäufigkeit

Ur-Deutscher"
Das "Nazisprech"-Kriterium

Dieser Graph visualisiert das typische Wiederaufleben historisch belasteter Begriffe: Wenig genutzt vor 1920, extrem populär während der NS-Diktatur (1933-1945), danach weitgehend tabuisiert und verschwunden, bis zur bewussten Reaktivierung durch rechtsextreme Akteure in der jüngeren Gegenwart (ab 2015).

Umvolkung (Graph)Volkstod (Graph)
Hintergrund:
Der Begriff "Ur-Deutscher" entspringt dem Bedürfnis nach einer nationalen Identität und Kontinuität. Seine Wurzeln liegen im 19. Jahrhundert, als das deutsche Nationalgefühl erstarkt und nach historischen Anknüpfungspunkten suchte. Die NS-Zeit instrumentalisierte den Begriff, um eine vermeintliche "arische" Abstammung und Überlegenheit der Deutschen zu konstruieren. Nach 1945 wurde der Begriff aufgrund seiner NS-Belastung weitgehend vermieden, jedoch schwelte die Vorstellung eines "Ur-Deutschen" im völkischen Gedankengut weiter. In jüngerer Zeit erlebt der Begriff eine Wiederbelebung in rechtspopulistischen und rechtsextremen Kreisen, die ihn nutzen, um eine homogene, ethnisch definierte deutsche Identität zu propagieren und vermeintliche "Überfremdung" zu beklagen. Die Vorstellung eines "Ur-Deutschen" dient somit als Abgrenzungsinstrument gegenüber allem, was als "nicht-deutsch" wahrgenommen wird.
Kontext:
Der Begriff "Ur-Deutscher" wird im Kontext der Auseinandersetzung mit Geschichtsmythen und deren Instrumentalisierung für nationalistische Zwecke diskutiert. Historiker wie Björn Onken von der Universität Duisburg-Essen weisen darauf hin, dass die Vorstellung eines "Ur-Deutschen" eine Legende ist, die insbesondere während der NS-Zeit zur Propaganda genutzt wurde. Diese Legende diente dazu, die Teilnehmer der Varusschlacht als direkte Vorfahren der Deutschen darzustellen und so den Nationalismus zu stärken. Der Mythos des "Ur-Deutschen" wurde bis in die 1990er Jahre in Schulbüchern tradiert und prägte das Geschichtsbewusstsein vieler Generationen. Auch heute noch finden sich unbeabsichtigt Reste dieses Mythos in Schulbüchern, beispielsweise bei der Darstellung der Kolonialgeschichte.
NS-Nachweis

Die Nationalsozialisten nutzten den Begriff "Ur-Deutscher" gezielt zur Konstruktion einer vermeintlich reinen, arischen Rasse. Diese Ideologie diente als Grundlage für die Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung von Minderheiten, insbesondere von Juden. Zahlreiche NS-Schriften und Propagandafilme bedienten sich des Bildes des "Ur-Deutschen", um eine homogene Volksgemeinschaft zu propagieren und den Rassenwahn zu schüren. Historiker wie Björn Onken belegen die Instrumentalisierung des Begriffs im Nationalsozialismus und seine Funktion als identitätsstiftender Mythos für die NS-Ideologie. Das Georg-Eckert-Institut (GEI) für internationale Schulbuchforschung thematisiert die Rolle solcher Geschichtsmythen in Schulbüchern und deren Einfluss auf das Geschichtsbewusstsein.

Strategische Funktion

1. FUNKTION: Konstruktion einer homogenen Identität: Der Begriff dient dazu, eine vermeintlich einheitliche und unveränderliche deutsche Identität zu konstruieren, die auf Abstammung und Tradition basiert. Dies ermöglicht die Ausgrenzung von Personen, die nicht in dieses Bild passen, und schürt Ressentiments gegenüber Minderheiten.
2. FUNKTION: Legitimation politischer Forderungen: Die Berufung auf den "Ur-Deutschen" dient dazu, politische Forderungen nach nationaler Reinheit, kultureller Homogenität und einer restriktiven Einwanderungspolitik zu legitimieren. Dies untergräbt die Prinzipien einer offenen und vielfältigen Gesellschaft.
3. FUNKTION: Mobilisierung von Wählern: Der Begriff wird gezielt eingesetzt, um Wähler anzusprechen, die sich nach einer vermeintlich besseren Vergangenheit sehnen und sich von den Veränderungen der modernen Gesellschaft überfordert fühlen. Dies stärkt rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien und gefährdet die Demokratie.
VorherigesUmvolkung
NächstesVolkstod