Zürück zur Übersicht
Vorheriges: Entartete KunstNächstes: Ethnopluralismus

"Entartete Musik"

NS-Kernvokabular
Von: Hans Severus Ziegler, Joseph Goebbels, Alfred Rosenberg
Datum: 1938
Hintergrund:
Der Begriff 'Entartete Musik' diente im Nationalsozialismus als Kampfbegriff zur Ausgrenzung und Verfolgung von Komponisten und Musikern, deren Werke nicht den NS-Ideologien entsprachen. Obwohl der Begriff bereits im 19. Jahrhundert in einem allgemeineren Kontext der 'Entartung' verwendet wurde (Friedrich Schlegel, Max Nordau), erhielt er durch die Nationalsozialisten eine rassistische und antisemitische Konnotation. Wilhelm von Bode forderte bereits 1919 den Kampf gegen die 'Perversität' in der Kunst. Die Nazis instrumentalisierten den Begriff, um gezielt gegen jüdische Künstler (Gustav Mahler, Arnold Schönberg, Felix Mendelssohn-Bartholdy) und Vertreter der Moderne (Alban Berg, Ernst Krenek, Paul Hindemith) vorzugehen. Hans Severus Ziegler organisierte die Ausstellung 'Entartete Musik' und verfasste die Begleitpublikation. Ludwig Tersch erstellte das Werbeplakat mit einer Karikatur eines afro-amerikanischen Saxophonisten mit Davidstern. Alfred Rosenberg ließ ein 'Lexikon der Juden in der Musik' entwickeln. Nach 1945 geriet der Begriff weitgehend in Vergessenheit, wird aber gelegentlich von rechtsextremen Kreisen reaktiviert, um moderne Kunst und Musik zu diffamieren.
Kontext:
Die Nationalsozialisten nutzten den Begriff 'Entartete Musik' im Rahmen der Reichsmusiktage 1938 in Düsseldorf, um moderne und vermeintlich 'undeutsche' Musik zu diffamieren und zu verbieten. Die gleichnamige Ausstellung sollte die angebliche 'Perversität' und 'geistige Schwäche' dieser Musik demonstrieren.
Einordnung

Der Begriff wurde im Nationalsozialismus zentral für die Diffamierung und Verfolgung von Musikern und Komponisten eingesetzt. Die Ausstellung 'Entartete Musik' (1938) und die zugehörige Publikation von Hans Severus Ziegler sind zentrale NS-Dokumente. Alfred Rosenbergs 'Lexikon der Juden in der Musik' belegt die rassistische Ideologie hinter dem Begriff. (Dümling, Albrecht und Peter Girth (Hg.): Entartete Musik. Dokumentation und Kommentar zur Düsseldorfer Ausstellung von 1938, Düsseldorf 31993 [1988])

Strategische Funktion

1. DELEGITIMIERUNG: Die Kennzeichnung als 'entartet' diente dazu, bestimmte Musikrichtungen und Künstler als minderwertig und schädlich für das 'deutsche Volk' darzustellen. Dies untergrub ihre künstlerische Autorität und ihren gesellschaftlichen Wert.
2. AUSGRENZUNG: Der Begriff ermöglichte die systematische Ausgrenzung von Künstlern und Musikern aus dem kulturellen Leben. Durch Aufführungsverbote, Berufsverbote und Verfolgung wurden sie marginalisiert und zum Schweigen gebracht.
3. IDENTITÄTSSTIFTUNG: Die Abgrenzung von 'entarteter' Musik diente der Konstruktion einer vermeintlich 'reinen' deutschen Kultur. Dies stärkte das Zusammengehörigkeitsgefühl der 'arischen' Bevölkerung und schuf ein Feindbild, gegen das man sich abgrenzen konnte.
4. ZENSUR: Die Nationalsozialisten nutzten den Begriff, um eine umfassende Zensur durchzusetzen. Nur Musik, die ihren ideologischen Vorstellungen entsprach, durfte aufgeführt und verbreitet werden. Dies unterdrückte die künstlerische Vielfalt und Meinungsfreiheit.

Nutzungshäufigkeit (1920 - Heute)

Das "Nazisprech"-Kriterium

Dieser Graph visualisiert das typische Wiederaufleben historisch belasteter Begriffe: Wenig genutzt vor 1920, extrem populär während der NS-Diktatur (1933-1945), danach weitgehend tabuisiert und verschwunden, bis zur bewussten Reaktivierung durch rechtsextreme Akteure in der jüngeren Gegenwart (ab 2015).

Entartete Kunst (Graph)Ethnopluralismus (Graph)

Quiz: Wahre Bedeutung

Was bedeutet der Begriff "Entartete Musik" tatsächlich? Wähle die korrekte Aussage aus.

VorherigesEntartete Kunst
NächstesEthnopluralismus