Zurück zur Übersicht
Vorheriges: RemigrationNächstes: Sozialtourismus

"Schuldkult"

NS-kontaminiert
Von: Rechtsextremisten, Neue Rechte, AfD
Datum: 1981 (Schönhuber)

Nutzungshäufigkeit

Schuldkult"
Das "Nazisprech"-Kriterium

Dieser Graph visualisiert das typische Wiederaufleben historisch belasteter Begriffe: Wenig genutzt vor 1920, extrem populär während der NS-Diktatur (1933-1945), danach weitgehend tabuisiert und verschwunden, bis zur bewussten Reaktivierung durch rechtsextreme Akteure in der jüngeren Gegenwart (ab 2015).

Remigration (Graph)Sozialtourismus (Graph)
Hintergrund:
Der Begriff 'Schuldkult' ist ein Kampfbegriff, der primär von Rechtsextremisten, Vertretern der Neuen Rechten und Rechtspopulisten verwendet wird, um die nach 1945 entstandene Erinnerungskultur an die Verbrechen des Nationalsozialismus, insbesondere das Gedenken an den Holocaust, abzuwerten. Er wurzelt in der NS-Zeit, als Schuldabwehr und die Relativierung deutscher Verantwortung zentrale Elemente der Propaganda waren. Nach 1945 wurde der Begriff zunächst in der extremen Rechten verwendet, um die juristische Ahndung von NS-Verbrechen als 'Siegerjustiz' zu delegitimieren. Franz Schönhuber diffamierte 1981 die 'Vergangenheitsbewältigung' als 'Dauerkarte nach Canossa', Heinz Nawratil sprach 1982 von einer angeblichen 'Schuldneurose'. Heute wird der Begriff vor allem von der AfD und der Neuen Rechten genutzt, um eine 'erinnerungspolitische Wende' zu fordern und die deutsche Identität von der 'Last' der NS-Vergangenheit zu befreien. Alexander Gauland bezeichnete den Nationalsozialismus als 'Vogelschiss' in der deutschen Geschichte. Martin Sellner sieht im 'Schuldkult' eine Bedrohung für die deutsche Nation und das ethnisch definierte Volk, ein 'negatives, von Schuldgefühl und Wiedergutmachung geprägtes Nationalgefühl' führe zur 'Negation der nationalen Existenz'.
Kontext:
Abwertung der deutschen Erinnerungskultur an die NS-Verbrechen, insbesondere des Holocaust, als übertrieben und schädlich für die deutsche Identität und Zukunft.
Einordnung

Der Begriff ist eng mit der NS-Ideologie der Schuldabwehr und der Relativierung deutscher Verantwortung verbunden. Auch wenn der Begriff selbst nicht explizit im NS-Vokabular vorkommt, ist die dahinterstehende Haltung, die deutsche Schuld zu leugnen oder zu minimieren, ein zentrales Element der NS-Propaganda und Geschichtspolitik. Die Kontinuität dieser Haltung von der NS-Zeit bis in die heutige Neue Rechte und AfD zeigt die NS-Kontaminierung des Begriffs. (Vgl. Botsch 2012, S. 17-59; Backes & Jesse 1993, S. 234ff.)

Strategische Funktion

1. DELEGITIMIERUNG: Die Erinnerungskultur wird als 'Schuldkult' diffamiert, um die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit zu diskreditieren und zu verhindern. Dies untergräbt die moralische Grundlage der Demokratie und öffnet Raum für revisionistische Geschichtsbilder.
2. IDENTITÄTSSTIFTUNG: Durch die Ablehnung des 'Schuldkults' wird eine vermeintlich 'positive' deutsche Identität konstruiert, die sich nicht mehr mit der NS-Vergangenheit auseinandersetzen muss. Dies dient der Mobilisierung nationalistischer Kräfte und der Ausgrenzung von Minderheiten.
3. GESCHICHTSREVISIONISMUS: Der Begriff dient der Verharmlosung und Relativierung der NS-Verbrechen, indem er die Erinnerung daran als übertrieben und schädlich darstellt. Dies ermöglicht die Verbreitung revisionistischer Geschichtsbilder und die Leugnung oder Verharmlosung des Holocaust.
4. ABWEHR VON VERANTWORTUNG: Durch die Konstruktion eines 'Schuldkults' wird die deutsche Verantwortung für die NS-Verbrechen geleugnet oder relativiert. Dies dient der Entlastung der Tätergeneration und der Ablehnung von Wiedergutmachungsforderungen.
VorherigesRemigration
NächstesSozialtourismus