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"Sozialtourismus"

NS-kontaminiert
Von: Nina Janich (Sprachwissenschaftlerin), Ulrich Schneider (Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband)
Datum: 2013

Nutzungshäufigkeit

Sozialtourismus"
Das "Nazisprech"-Kriterium

Dieser Graph visualisiert das typische Wiederaufleben historisch belasteter Begriffe: Wenig genutzt vor 1920, extrem populär während der NS-Diktatur (1933-1945), danach weitgehend tabuisiert und verschwunden, bis zur bewussten Reaktivierung durch rechtsextreme Akteure in der jüngeren Gegenwart (ab 2015).

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Hintergrund:
Der Begriff "Sozialtourismus" entstand im Kontext der Arbeiterbewegung und der Emanzipation der Industriearbeiterschaft. Er bezeichnete ursprünglich einen preiswerten Massentourismus, der oft von Gewerkschaften organisiert und bezuschusst wurde. Eine NS-kontaminierte Sonderform entstand durch die Organisation "Kraft durch Freude" (KdF) ab 1934, die jedoch "Gemeinschafts- und Rassefremde" ausschloss. Nach 1945 geriet der Begriff zunächst in den Hintergrund, erfuhr jedoch in den letzten Jahrzehnten eine Wiederbelebung, insbesondere im Kontext migrationspolitischer Debatten. Dabei wird er abwertend verwendet, um den vermeintlichen Missbrauch von Sozialleistungen durch Zuwanderer zu stigmatisieren. Die Verwendung des Begriffs impliziert, dass Zuwanderung primär aus dem Motiv der Inanspruchnahme von Sozialleistungen erfolgt und somit eine ungerechtfertigte Belastung des Sozialsystems darstellt.
Kontext:
Der Begriff "Sozialtourismus" wurde 2013 zum Unwort des Jahres gekürt. Die Jury, unter anderem mit der Sprachwissenschaftlerin Nina Janich, begründete ihre Entscheidung damit, dass der Begriff in der Diskussion um Zuwanderung nach Deutschland von einigen Politikern und Medien gezielt verwendet wurde, um Stimmung gegen unerwünschte Zuwanderer, insbesondere aus Osteuropa, zu machen. Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, bezeichnete die Entscheidung als "absolut gute Entscheidung zum absolut richtigen Zeitpunkt" und den Begriff "Sozialtourismus" als "einen absoluten Tiefpunkt an sprachlichem Zynismus". Er kritisierte, dass der Begriff auf dem Rücken von Menschen ausgetragen werde, die nach Deutschland kommen, um zu helfen und in die Sozialkassen einzahlen.
Einordnung

Der Begriff "Sozialtourismus" wurde im Nationalsozialismus durch die Organisation "Kraft durch Freude" (KdF) ideologisch instrumentalisiert. Die KdF nutzte den Massentourismus zu Propagandazwecken und schloss gleichzeitig bestimmte Bevölkerungsgruppen aus. Diese selektive und ausgrenzende Praxis steht im Einklang mit der NS-Ideologie der "Volksgemeinschaft". Die Verwendung des Begriffs in der Nachkriegszeit, insbesondere im Kontext migrationspolitischer Debatten, knüpft unbewusst oder bewusst an diese NS-Tradition an, indem sie Zuwanderer pauschal als "Sozialtouristen" diffamiert und ihnen unterstellt, das Sozialsystem auszunutzen. (Vgl. Ulrich Herbert, "Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft, 1903-1989", S. 320ff.)

Strategische Funktion

1. FUNKTION: Stigmatisierung von Zuwanderern: Der Begriff dient dazu, Zuwanderer pauschal als "Sozialtouristen" zu diffamieren und ihnen zu unterstellen, das Sozialsystem auszunutzen. Dies schürt Ressentiments und Feindseligkeiten gegenüber Zuwanderern.
2. FUNKTION: Ablenkung von strukturellen Problemen: Die Fokussierung auf vermeintlichen "Sozialtourismus" lenkt von den eigentlichen Ursachen für Belastungen des Sozialsystems ab, wie beispielsweise unzureichende Finanzierung oder demografischer Wandel.
3. FUNKTION: Rechtfertigung restriktiver Migrationspolitik: Der Begriff wird genutzt, um eine restriktive Migrationspolitik zu rechtfertigen, indem er den Eindruck erweckt, dass Zuwanderung eine Bedrohung für das Sozialsystem darstellt und daher eingedämmt werden müsse.
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