"Überfremdung"
NS-kontaminiertNutzungshäufigkeit
Dieser Graph visualisiert das typische Wiederaufleben historisch belasteter Begriffe: Wenig genutzt vor 1920, extrem populär während der NS-Diktatur (1933-1945), danach weitgehend tabuisiert und verschwunden, bis zur bewussten Reaktivierung durch rechtsextreme Akteure in der jüngeren Gegenwart (ab 2015).
Der Begriff "Überfremdung" wurde um 1900 von dem Schweizer Sozialfürsorger Carl Alfred Schmid geprägt, der vor einer "so hochgradigen Überfremdung der Schweiz" warnte. Während des Ersten Weltkriegs und danach erfuhr der Begriff eine rassistische Aufladung, insbesondere gegen jüdische Flüchtlinge. In der NS-Zeit wurde "Überfremdung" zu einem zentralen Element der rassistischen Propaganda, um die Ausgrenzung und Verfolgung von Minderheiten zu rechtfertigen. Nach 1945 verschwand der Begriff zunächst aus dem öffentlichen Diskurs, erlebte aber in den 1960er Jahren im Kontext der Anwerbung von Gastarbeitern eine Wiederbelebung, zunächst auch in Gewerkschaftskreisen. Seit den 1980er Jahren wird "Überfremdung" vor allem von der extremen Rechten verwendet, um gegen Einwanderung zu hetzen und eine vermeintliche Bedrohung der nationalen Identität zu beschwören. Die Verwendung des Begriffs dient oft als Vorwand für diskriminierende Maßnahmen und eine restriktive Einwanderungspolitik.
Der Begriff "Überfremdung" wird heute vor allem von rechtspopulistischen und rechtsextremen Parteien und Gruppierungen verwendet, um Stimmung gegen Einwanderung und Vielfalt zu machen. In der Schweiz wurde der Begriff im Zusammenhang mit diversen Überfremdungsinitiativen verwendet, wie beispielsweise der Minarettverbotsinitiative vom 29. November 2009, die von SVP-Mitgliedern lanciert wurde und sich gegen Muslim:as richtete. Auch in Deutschland wird der Begriff regelmäßig von Akteuren der Neuen Rechten verwendet, um Ängste vor dem Verlust der nationalen Identität zu schüren und Ressentiments gegen Migranten zu mobilisieren. Politiker wie Björn Höcke1 (AfD) nutzen den Begriff, um eine vermeintliche Bedrohung der deutschen Kultur durch Zuwanderung zu beschwören. Die Verwendung des Begriffs dient oft als Vorwand für diskriminierende Maßnahmen und eine restriktive Einwanderungspolitik.
Der Begriff "Überfremdung" wurde im Nationalsozialismus gezielt eingesetzt, um rassistische Ideologien zu verbreiten und die Ausgrenzung und Verfolgung von Minderheiten zu legitimieren (Benz, Wolfgang: Was ist Antisemitismus? Bundeszentrale für politische Bildung, 2004). Die NS-Propaganda nutzte den Begriff, um Ängste vor einer angeblichen "Rassenschande" und dem Verlust der "Volksgesundheit" zu schüren (Aly, Götz: Hitlers Volkstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. S. Fischer Verlag, 2005). Auch wenn der Begriff nicht ausschließlich im NS geprägt wurde, so wurde er doch in dieser Zeit ideologisch aufgeladen und rassistisch verzerrt, was ihn bis heute NS-kontaminiert macht (Wippermann, Wolfgang: Wer hat Angst vor dem Volkstod?. Eine Kritik des Überfremdungsdiskurses. Elefanten Press, 1997).